Di07Jul2020

Private Ansichten vom Krieg

Haus am Ufer, Moskau 1995 (Foto: Hilmar Boehle)

 

Einladungskarte Museum Haus am Ufer, Moskau 1995Projektbeschreibung

Private Ansichten vom Krieg

Mit dem kommenden Jahr jährt sich zum fünfzigsten Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs. Wie schon in der Vergangenheit werden auch zu diesem Jahrestag eine Reihe von Veranstaltungen stattfinden, die der Geschichte dieses Krieges gedenken und die Erinnerung an die traurigen Ereignisse bewahren sollen. In welcher Form aber wurden und werden diese Erinnerungen weitergegeben?

In der Sowjetunion stand die Erinnerung an die Zeit des Krieges in allzu enger Verbindung mit der Wirklichkeit des Kalten Krieges. Das offizielle Pathos – auf die Erhaltung des Feindbildes ausgerichtet – machte ein individuelles Verhältnis zu den Kriegsgeschehnissen unmöglich oder stellte es in Opposition zur gesellschaftlichen Meinung. Eine Flut von Filmen, die den Krieg zum Thema hatten, sind ein bleibendes Zeugnis dieser Form von Erinnerung. Durch sie formte sich in der jüngeren Generation das Abbild jener Zeit.

Mit dem Ende des Kalten Krieges und nach den grundlegenden politischen Veränderungen in Europa ist es nun möglich, nicht nur die Gegenwart in einem unabhängig-persönlichen Licht zu beurteilen, sondern auch die Vergangenheit neu und eigenständig zu betrachten. Es ist die private Perspektive, die ungewöhnliche Assoziationen und Ansichten der Kriegsproblematik bietet und dadurch neue Standpunkte ermöglicht.

In diesem Zusammenhang erscheinen Themen wie Schuld und Reue, Verrat und Opferbereitschaft, Scheitern und Freude in einem neuen, von der offiziellen Darstellung abweichenden Licht.

Wir bieten Künstlerinnen und Künstlern aus den ehemals kriegsführenden Ländern die Möglichkeit, Projekte auf dem genannten Gebiet zu erarbeiten. Besonders interessiert uns, in welcher Weise die Darstellungen des Krieges in den vergangenen Jahrzehnten bis zu Spielbergs "Schindlers Liste", die individuelle Wahrnehmung der geschichtlichen Ereignisse geprägt haben.

Die Ausstellung soll in den Museumsräumen des sogenannten "Haus am Ufer" (so benannt von dem Schriftsteller J.Trifonov) stattfinden. Dieses Haus könnte man als das berühmteste Wohnhaus Moskaus bezeichnen. Für seine derart große Bekanntheit gibt es verschiedene Gründe.

Zunächst einmal befindet sich dieser riesige Gebäudekomplex, der im Jahre 1928 von dem bedeutendsten, stalinistischen Architekten Boris Iofan gebaut worden war (der Entwurf für den berühmten "Palast der Sowjets" stammt ebenfalls von ihm) mitten im Zentrum von Moskau, mit direktem Blick auf den Kreml.

Ein zweiter Grund für die besondere Stellung dieses Hauses liegt in der wechselnden Geschichte seiner Bewohner. Nach seiner Fertigstellung lebte hier so gut wie die gesamte Sowjetelite jener Zeit: Mitglieder der Regierung, Generäle, Künstler, Schriftsteller u.s.w.

Im Verlauf der stalinistischen Säuberungen wurde der größte Teil der Bewohner des grauen Hauses hingerichtet, wie z.B. der Marschall Tuchatschewskij, Egorov, Kosarev, der Leiter des Komsomol, u.a. Die Wohnungen wurden dann zum Teil von jenen weiter bewohnt, die die Hingerichteten denunziert hatten.

Nach dem Krieg wurden in diesem zentral gelegenen Haus viele Generäle und Marschälle der Sowjetischen Armee untergebracht, wie Konew, Rokossowskij, u.a. Heute leben dort die Nachfahren jener Bewohner.

In dem Museum das in einer der Wohnungen im ersten Stock untergebracht ist, sind vor allem Listen und Fotografien zusammengetragen und ausgestellt, die Biografie und Schicksal der verschiedenen Bewohner darstellen sollen. Das Museum wird von den Bewohnern des Hauses selbst geleitet und hat daher einen sehr privaten Charakter.

Das Ausstellungskonzept "Private Ansichten vom Krieg" sieht vor, die Arbeiten der Künstler in die bestehende Ausstellung einzufügen und so die dichte erzählerische Atmosphäre des Museums zu nutzen. Die Kuratoren des Ausstellungsprojekts halten das Museum "Haus am Ufer" für einen geeigneten Ort, um den privaten Charakter des Themas zu betonen, da er in geradezu paradoxer Weise private, militärische, moralische und literarische Themen der sowjetischen Geschichte verbindet.

Die Ausstellung wird am 22.06.1995, dem Tag des Kriegsbeginns 1941, eröffnet. Bevorzugt werden kleinformatige Arbeiten, die vom Künstler, wenn möglich, vorbereitet mitgebracht werden sollen. Um eine Vorstellung von der Gestaltung des Museums zu bekommen erhalten die Künstler eine Reihe von Fotografien, die den Innenraum und die Ausstellungsarchitektur darstellen.

Die Ausstellung wird vom Zentrum für Zeitgenössische Kunst in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Moskau durchgeführt.

Joseph Bakshtein
Institut für zeitgenössische Kunst Moskau
Übersetzung: Christiane Büchner