So28Feb2021

Von Aachen bis Zürich

Von Aachen bis Zürich

Die tiefe Krise, in der sich die Gesellschaft gegenwärtig befindet, besteht in moralischer Hinsicht darin, daß die emanzipatorischen Forderungen nach Glück für alle oder zumindest nach Angleichung der Lebensbedingungen nach wie vor nicht erreicht sind, diese Ziele aber gleichzeitig in immer weitere Ferne rücken, ja als Ziele selbst in Frage gstellt sind.

Die Gesellschaftstheorie, die das feststellt und daraus zugleich ihre Atraktion zieht, heißt Systemtheorie. Sie unternimmt eine Beschreibung der Gesellschaft, die ohne einen gesellschaftlichen Einheitssinn, z.B. eben Glück für alle, auszukommen in der Lage ist. Alles, was sie zu ihrer Anaylse benötigt, ist die Feststellung, daß sich die Gesellschaft in Teilsysteme ausdifferenziert, die funktional ähnlich und damit untereinander vergleichbar sind. Die Systemtheorie begreift die Gesellschaft als einen Prozeß ohne Beginn und ohne Ziel, vor allem aber als einen Prozeß, der gegenüber Postulaten der Ethik indiffernet bleibt.

Als eines der Teilsysteme untersucht die Systemtheorie auch die Kunst. Vor allem Niklas Luhmanns: »Die Kunst der Gesellschaft» (1995) ist hier zu nennen. Die Folge dieser Analyse liegt in der radikalen Desublimierung und Entauratisierung der Kunst. Luhmann geht davon aus, daß das meiste, was am Teilsystem Kunst zu beobachten ist, gar keine Eigenart der Kunst darstellt, sondern sich auch in anderen Funktionssystemen finden läßt. Damit kann er die Kunst nach den gleichen Kriterien untersuchen wie die Bereiche der Wirtschaft oder des Rechts. Die Kunst wird zum System unter Systemen, dem weder eine besondere Weihe eigen ist und in dem es auch nicht um speziell ausgezeichnete Gegenstände geht. Hinter die Funktionsabläufe des Systems tritt das Kunstwerk mit seinem individuellen Erfahrungsgehalt zurück. Es stellt bloß einen der verschiedenen Inputs dar, die das System am Laufen halten. Entsprechend gewinnt Luhmann seine Kriterien auch nicht aus der Analyse von Kunstwerken, sondern allein aus deren gesellschaftlichen, d.h. kommunikativen Gebrauch. Die Systemtheorie erweist sich also als das Gegenteil der Ästhetik.

Die systemtheoretische Auffassung der Kunst triff einen Nerv der Zeit. Was für die Gesellschaft im ganzen gilt, scheint in ähnlicher Weise auch für die Kunst zuzutreffen. Mit dem Ende der Avantgarden ist das historische wie auch das moralische Selbstverständnis der Kunst als gesellschaftsverbessernde oder gar -führende Kraft eingebrochen. Zugleich tritt die Maschinerie des Kunstsystems und ihr latenter Immanentismus mit zunehmender Deutlichkeit hervor. Das Interesse für das Geschehen der Kunst wird immer ausschließlicher allein von der Kunstwelt selbst aufgebracht, während parallel dazu die Erwartung schwindet, von der Kunst die Antworten auf die drängenden Fragen der Gegenwart zu finden.

Nicht nur die Theorie reagiert auf die operative Geschlossenheit des Kunstsystems. Das tut auch die Kunst, und zwar mit Arbeiten, die diesen Sachverhalt explizit zu ihrem Thema machen. Von Aachen bis Zürich gehört zu dieser Gattung von Kunstwerken.

An einer durchlaufenden roten Bilderleiste hängen, zu jeweils einem Streifen zusammengefügt, die Ausstellungsannoncen, die »DIE ZEIT» wöchentlich publiziert und jeweils alphabetisch nach Orten aufreiht – von Aachen bis Zürich. Insgesammt dokumentieren sie etwas dreieinhalb Jahre internationaler Ausstellungsaktivität. Die meisten in Gruppen, teils einzeln hängenden Streifen werden von acht quadratischen, monochrom weißen Wechselrahmen unterbrochen, die gleichsam als Stellvertreter der annoncierten Kunst figurieren. Nur die Leiste ist fest mit der Wand verbunden, die Bilder und Streifen können jederzeit verschoben, abgehängt oder ergänzt werden.

In der Anschauung verkehrt sich nun aber der Eindruck, den diese Nennung der Fakten hervorruft, nämlich daß es sich um die Darstellung der Redundanz, Leere und Beliebigkeit des Kunstbetriebs handelt, in sein Gegenteil. Aus der für die Betrachtung von Kunst üblichen Distanz verschwimmt der Text der Annoncen und wird zum enzephalographischen Ornament, das sich aus ihrem zentrierten Satz ergibt. Die über drei Meter langen Streifen werden zu »zips«, die den Raum vertikal aufreißen. Zugleich gliedern die identischen und doch individuell gemalten und damit leise unterschiedlichen Bilder die Wand in einem ruhigen, regelmäßigen Rhythmus, der jede Zufälligkeit ausschließt. Bedingt die systemtheoretische Beschreibung der Kunst die Entwertung des einzelnen Kunstwerks zugunsten der Funktionsabläufe des Systems, so verwandelt sich hier das unabläßige Prozedieren des Kunstsystems in eine singuläre ästhetische Gestalt, die eine überraschende Sinnlichkeit und Schönheit besitzt und eine beinahe meditative Gelassenheit ausstrahlt. Von Aachen bis Zürich ist im Unterschied zu anderen den Kunstbetrieb thematisierenden Arbeiten weder zynisch (wie z.B. Jeff Koons) noch naiv zukunftsgläubig (wie z.B. die Internet-Kunst). Gerade in der Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Situation vertraut sie auf die uralte Fähigkeit der Kunst, Wahrnehmung und Reflextion in eine künstlerische Gestalt zu transformieren, die nur individuell zu erschaffen und zu erfassen ist. Dabei liegt die Pointe darin, daß es die Repräsentation des Kunstbetriebs selbst ist, die hier in die sinnliche Einmaligkeit eines Kunstwerks transformiert wird.

Jedes Werk entwirft mit seiner Gestaltung eine künstlerische Ordnung und artikuliert doch zugleich, daß die Ordnung der Welt ein ewig blinder Fleck bleiben muß. Das gestalthafte Ganze eines Kunstwerks ist nur möglich vor dem Hintergrund der unfaßbaren Ganzheit der Welt. Die Welt ist weder Gestalt noch Summe noch Geist – noch ist sie System. Wenn aber die Welt nicht feststellbar ist, bleiben Kunstwerke in ihrer Doppelfunktion als Orientierung unserer Wahrnehmung und zugleich als Erinnerung an die Offenheit der Welt unersetzbar und unverzichtbar. Die klare ästhetische Gestalt von Von Aachen bis Zürich, die nur möglich ist dank dem Verschwimmen der Buchstaben und der »suprematistischen« Leere der Bilder, steht für das paradoxe Vermögen der Kunst, in einer einzigen Figuration das Bestimmte wie das Unbestimmte zu artikulieren. Diese Paradoxie erlaubt es der Kunst, der Schließung nicht nur ihres eigenen Systems entgegenzutreten. Darin liegt auch ein moralisches Moment. Von Aachen bis Zürich fordert von uns, das eigene Verhältnis vom thematisierten Sachverhalt ins Spiel zu bringen und das Werk wie auch uns selbst im Spannungsverhältnis von individueller Kunsterfahrung und veräußerlichtem Kunstbetrieb zu bestimmen. Die angebliche Geschlossenheit des Systems kann nicht als Entschuldigung geltend gemacht werden, sich dieser Verhältnisbestimmung zu entziehen.

 

Michael Lüthy, Freie Universität Berlin

Katalog „von Aachen bis Zürich“
Sprengel Museum Hannover
Interventionen 9
14.05.–17.08.1997